
Die Hinterbliebenen der Familie aus Hamburg, die in Istanbul ums Leben kam – Mutter Cemile Yilmaz (links) und Vater Yilmaz Böcek (rechts) – kommen zusammen mit ihrem Anwalt Yasar Balci zur Verhandlung | Quelle: Getty Images
„Mich schockierte, dass sie keine Ahnung hatten, was sie da taten“: Der Großvater der vergifteten Familie aus Hamburg steht den Angeklagten vor Gericht gegenüber
Vor seinem Haus im Hamburger Stadtteil Stellingen steht noch immer der Peugeot seines Sohnes. Auf der Heckscheibe kleben die Namen der beiden Enkelkinder. Es ist eines jener stillen Bilder, in denen sich Verlust auf bedrückende Weise verdichtet: ein Auto, das nicht mehr bewegt wird, und eine Familie, die nie wieder daraus aussteigen wird. Seit dem Tod von Servet Böcek, seiner Frau Çiğdem und der beiden Kinder Masal und Kadir ist für Yilmaz Böcek nichts mehr wie zuvor.
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Die vier waren im November während eines Türkei-Urlaubs ums Leben gekommen. Nach den vorliegenden Ermittlungen wurden sie in ihrem Hotel vergiftet. Nun ist der Großvater nach Istanbul gereist, um im Prozess gegen jene Männer anwesend zu sein, die nach Auffassung der Anklage für den Tod seiner Angehörigen verantwortlich sein sollen.
Was für ihn dabei im Vordergrund steht, ist nicht nur die juristische Aufarbeitung, sondern auch der unmittelbare Blick in die Gesichter der Angeklagten.
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Am Dienstag begann das Verfahren gegen den Hotelinhaber, zwei Hotelmitarbeiter sowie den Betreiber und einen Mitarbeiter eines Kammerjägerdienstes. Schon am ersten Verhandlungstag zeigte sich, wie belastend diese Konfrontation für die Familie sein muss.
Yilmaz Böcek schilderte nach dem Auftakt, er habe den Angeklagten in die Augen sehen wollen, doch diese hätten weggeschaut. Er verriet:
„Für mich vergeht kein Tag ohne Erinnerungen an die Toten [...] Ich habe versucht, den Angeklagten in die Augen zu schauen, aber sie drehten sich weg [...] Ihre Reue war nur Show“
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Für ihn sei der Schmerz ohnehin allgegenwärtig. Nach eigener Aussage vergehe kein Tag ohne Erinnerungen an die Toten.
Im Zentrum der Anklage steht ein hochgefährlicher Chemikalieneinsatz im Hotel. Die Kammerjäger sollen im Zusammenhang mit einer Bekämpfung von Bettwanzen ein Insektizid verwendet haben, das für Wohnräume ungeeignet gewesen sein soll.
Laut Anklage handelt es sich um Aluminiumphosphid, eine Substanz, die tödliches Phosphin freisetzen und schwere Organschäden verursachen kann. Rückstände dieses Giftes wurden nach den Ermittlungen nicht nur in Hotelzimmern festgestellt, sondern auch auf Handtüchern und Schutzmasken.
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Nach Einschätzung von Experten könnte das Gas über einen Lüftungsschacht in das Zimmer der Familie gelangt sein. Gerade diese Vorstellung macht den Fall so beklemmend: Die Familie schlief offenbar in einem Raum, der sich unbemerkt in eine tödliche Falle verwandelt hatte.
Als Übelkeit und Erbrechen einsetzten, kam die Familie zwar ins Krankenhaus, wurde dort aber nicht stationär aufgenommen und kehrte in das Hotel zurück. Später starben alle vier.
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Die Vorwürfe richten sich jedoch nicht allein gegen den Schädlingsbekämpfungsdienst. Auch dem Hotelpersonal macht die Staatsanwaltschaft schwere Vorhaltungen. Ein Rezeptionist soll trotz auffälligen Geruchs das Gebäude verlassen und die Eingangstür verschlossen haben.
Als Servet Böcek mit seiner Tochter im Arm verzweifelt Hilfe gesucht haben soll, stand er demnach vor verschlossenen Türen und versuchte sogar, die Glastür einzuschlagen. Erst nach rund sieben Minuten sei der Mitarbeiter zurückgekehrt und habe geöffnet. Laut Anklage könnte genau diese verlorene Zeit entscheidend gewesen sein.
Für den trauernden Großvater bleibt nichts als Erinnerungen an eine Familie zurück, die große Pläne hatte. Er verriet in einem Interview:
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„Diesen Sommer haben sie das Dachgeschoss ihrer Familienwohnung in Bolvadin (etwa 450 Kilometer von Istanbul entfernt, d. Red.) renoviert. Sie haben die Wohnung von Grund auf neu gestaltet und renoviert. Sie sind abgereist, ohne auch nur eine Nacht darin geschlafen zu haben. Sie hatten geplant, hierherzuziehen. Das war ihr Traum.“
Die Staatsanwaltschaft fordert deshalb empfindliche Strafen wegen „bewusster fahrlässiger Tötung“. Den Angeklagten drohen Haftstrafen von bis zu 22 Jahren und sechs Monaten. Am ersten Prozesstag wiesen sich die Beschuldigten allerdings gegenseitig die Verantwortung zu.
Der Hotelbesitzer zeigte sich zwar betroffen vom Tod der Familie, bestritt aber jede Schuld. Auch der Chef des Kammerjägerdienstes wies die Vorwürfe zurück. Der Mann, der die Schädlingsbekämpfung durchgeführt haben soll, erklärte wiederum, er sei eigentlich als Reinigungskraft eingestellt gewesen und habe kein Zertifikat besessen; außerdem bestritt er, Aluminiumphosphid eingesetzt zu haben.

Yilmaz Böcek, der trauernde Vater der Familie aus Hamburg, die in Istanbul ums Leben kam, nimmt an der Verhandlung zum Tod der vierköpfigen Familie teil | Quelle: Getty Images
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Gerade diese Aussagen haben Yilmaz Böcek tief erschüttert: „Mich schockierte, dass sie keine Ahnung hatten, was sie da taten. Sie hantierten mit gefährlichen Chemikalien“, sagte er nach dem ersten Verhandlungstag. In diesem Satz bündelt sich nicht nur seine Wut, sondern auch das Entsetzen darüber, dass seiner Wahrnehmung nach mit hochriskanten Stoffen offenbar ohne ausreichende Fachkenntnis umgegangen wurde.
Besonders bitter ist für ihn offenbar auch der Eindruck, dass die vor Gericht gezeigte Betroffenheit nicht echt gewesen sei. „Ihre Reue war nur Show“, sagte der Großvater. Damit wird deutlich, wie tief das Misstrauen sitzt, das Angehörige in solchen Verfahren oft empfinden – gerade dann, wenn der Eindruck entsteht, dass Verantwortung abgeschoben wird, statt sich ihr zu stellen.
Ein Hotelmitarbeiter wurde inzwischen aus dem Verfahren entlassen, weil ihm keine Schuld nachgewiesen werden konnte. Gegen die übrigen fünf Angeklagten wird am 26. Juni weiterverhandelt.

Die Hinterbliebenen der Familie aus Hamburg, die in Istanbul ums Leben kam – Mutter Cemile Yilmaz (links) und Vater Yilmaz Böcek (rechts) – kommen zusammen mit ihrem Anwalt Yasar Balci zur Verhandlung zum Tod der vierköpfigen Familie. | Quelle: Getty Images
Für Yilmaz Böcek geht es dabei um mehr als ein Urteil. Er weiß genau, was er sich von dem laufenden Prozess erhofft:
„Ich erwarte von dem Prozess, dass endgültig die Frage geklärt wird, wer für den Tod meines Sohnes und seiner Familie verantwortlich ist. Und dass die Verantwortlichen angemessen bestraft werden.“
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