
Staat nimmt Abschied von Rita Süssmuth bei einer offiziellen Trauerfeier – Ein Satz lässt Angela Merkels Gesichtsausdruck erblassen
Berlin nimmt Abschied von einer Frau, die Politik nicht nur verwaltet, sondern verändert hat: Beim offiziellen Trauerstaatsakt für Rita Süssmuth im Deutschen Bundestag würdigt das politische Berlin die frühere Bundestagspräsidentin und ehemalige Bundesfamilienministerin als Vordenkerin, Antreiberin und unbequeme Möglichmacherin.
Süssmuth starb Anfang Februar im Alter von 88 Jahren und gehört zu den prägenden Figuren der Bundesrepublik – nicht zuletzt, weil sie sich früh für Gleichberechtigung, eine moderne Familienpolitik und gesellschaftliche Debatten einsetzte, bevor diese „bequem“ wurden.

Die ehemalige deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel kommt am 24. Februar 2026 in Berlin zu einer staatlichen Gedenkfeier für die ehemalige Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth im Bundestag. | Quelle: Getty Images
Im Plenarsaal sitzen an diesem Tag die Spitzen des Staates: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Bundestagspräsidentin Julia Klöckner, Bundeskanzler Friedrich Merz, Mitglieder des Kabinetts, Ministerpräsidenten, zahlreiche Abgeordnete – und auch die Altkanzler: Angela Merkel und Olaf Scholz sind gekommen.
Bereits zuvor wurde in der St. Hedwigs-Kathedrale ein Requiem gefeiert, bei dem an Süssmuths Engagement „bis zuletzt“ erinnert wurde – für Parität, gegen Rassismus, für soziale Gerechtigkeit und die Stabilität der Demokratie. Der Staatsakt im Bundestag knüpft daran an: Es ist kein Abschied nur von einer ehemaligen Amtsinhaberin, sondern von einer politischen Biografie, die die Bundesrepublik über Jahrzehnte mitgeprägt hat.

Ein Porträt der ehemaligen Bundestagspräsidentin Rita Suessmuth hing während einer staatlichen Gedenkfeier für Suessmuth am 24. Februar 2026 im Plenarsaal des Bundestages in Berlin, Deutschland. | Quelle: Getty Images
Einen besonderen Moment liefert ausgerechnet ein Satz, der im Saal wie ein kurzer Stromschlag wirkt. Heribert Prantl, Publizist und Journalist, hält auf Wunsch der Verstorbenen die Gedenkrede. Er beschreibt Süssmuth als Frau, die ihrer Partei „Feminismus beizubringen“ versuchte, die moralische Herabsetzungen abstreifte und mit einer Mischung aus Eigensinn und Herzenswärme Politik machte. Und dann setzt er zu einer These an, die sofort Aufmerksamkeit bindet: „Vielleicht hätte es ohne eine Rita Süssmuth eine Kanzlerin Angela Merkel nie gegeben“, sagte er.
Die Kamera – und viele Blicke im Saal – finden in diesem Moment Angela Merkel auf der Tribüne. Die Ex-Kanzlerin sitzt zwischen Wolfgang Thierse und Daniela Schadt. Während im Plenum Applaus aufbrandet, entgleisen Merkel für einen Moment sichtbar die Gesichtszüge: Der Mund verzieht sich, Schultern und Augenbrauen gehen hoch, als müsse sie die Behauptung erst sortieren.

24. Februar 2026, Berlin: Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) spricht bei der Trauerfeier für die verstorbene ehemalige Bundesfamilienministerin und langjährige Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth (CDU) im Deutschen Bundestag. | Quelle: Getty Images
Es ist kein langer Augenblick, aber einer, der hängen bleibt – weil man Merkel, die ihre Emotionen sonst so kontrolliert, selten so unmittelbar „lesen“ kann. Kurz darauf wendet sie sich zu ihrer Sitznachbarin Schadt, sagt leise ein paar Worte – nicht zu verstehen – und lächelt amüsiert. Ein Ausdruck zwischen Überraschung, Distanz und ironischem Einverständnis: als würde sie denken, dass politische Wege selten auf eine einzige Person zurückzuführen sind, aber dieser Satz dennoch etwas trifft.

24. Februar 2026, Berlin: Olaf Scholz (SPD), ehemaliger Bundeskanzler, und Angela Merkel (CDU), ehemalige Bundeskanzlerin, nehmen an der Trauerfeier für die verstorbene ehemalige Bundesfamilienministerin und langjährige Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth (CDU) mit einem ökumenischen Gottesdienst in der St.-Hedwigs-Kathedrale teil. | Quelle: Getty Images
Tatsächlich waren Süssmuth und Merkel in der CDU zwei Frauen, die die Union jeweils auf ihre Art geprägt haben – und das Thema Gleichstellung unterschiedlich angingen. Süssmuth trat offensiv auf, stellte Fragen, wo andere Ruhe wollten, und blieb gerade dann standhaft, wenn der Gegenwind aus den eigenen Reihen kam.
Merz betont in seiner Rede, Süssmuth sei ihrer Zeit voraus gewesen, etwa mit ihrem Beharren auf einer modernen Familien- und Arbeitsmarktpolitik, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie wirklich stärkt. Klöckner würdigt sie als Politikerin, die Debatten früher erkannte als andere und keine Tabus scheute.

24. Februar 2026, Berlin: Bundestagspräsidentin Julia Klöckner (CDU) spricht bei der Trauerfeier für die verstorbene ehemalige Bundesfamilienministerin und langjährige Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth (CDU) im Deutschen Bundestag | Quelle: Getty Images
Prantl erinnert zudem an einen Punkt, der Süssmuths politisches Profil besonders schärft: ihr Einsatz für Aidskranke in einer Zeit, in der Angst und Stigmatisierung den Ton bestimmten. Süssmuth habe dafür geworben, nicht die Betroffenen zu bekämpfen, sondern die Krankheit – also auf Aufklärung und Prävention zu setzen statt auf Ausgrenzung.
Diese Haltung, die den Menschen und seine Würde in den Mittelpunkt rückt, zieht sich wie ein roter Faden durch die Würdigungen dieses Tages.
Und Merkel? Sie hatte sich in ihrer aktiven Karriere lange gegen das Label „Feministin“ gesträubt – anders als Süssmuth, die das Thema Gleichstellung offen und grundsätzlich verhandelte. Merkel sagte 2017, sie wolle sich „nicht mit dieser Feder schmücken“, weil andere Frauen ganz andere Kämpfe geführt hätten. Erst später änderte sie ihren Ton – und begründete das mit einem Satz, der inzwischen oft zitiert wird. Merkel erzählte von einem Gespräch mit Königin Máxima und formulierte schließlich:
„Sie hat zu mir gesagt, im Kern gehe es darum, dass Männer und Frauen in der Teilhabe am gesellschaftlichen Leben und am gesamten Leben gleich sind. Und in diesem Sinne kann ich heute bejahend sagen, dass ich Feministin bin.“
Dieser Kontext macht Prantls These so brisant: Süssmuth als Vorreiterin einer CDU-Frauenpolitik, Merkel als Kanzlerin, die lange pragmatisch statt programmatisch über Gleichstellung sprach – und die doch am Ende einen eigenen Zugang zu diesem Begriff fand.
Ob man daraus eine direkte Linie ziehen kann, ist diskutabel. Aber genau diese Reibung ist es, die im Saal spürbar wird: Der Applaus für Prantls Satz ist auch Applaus für eine Idee, wie politische Möglichkeiten entstehen – durch Menschen, die Räume öffnen, in die andere später hineingehen.
Der Staatsakt zeigt Rita Süssmuth noch einmal als das, was viele an ihr beschrieben haben: unbequem, warmherzig, prinzipientreu. Sie war Bundestagspräsidentin von 1988 bis 1998, zuvor Bundesfamilienministerin unter Helmut Kohl – und als Seiteneinsteigerin in die Politik gekommen, die rasch populär wurde.

Der deutsche Autor, Journalist und Jurist Heribert Prantl hält eine Rede während einer staatlichen Gedenkfeier für die ehemalige Bundestagspräsidentin Rita Suessmuth am 24. Februar 2026 im Bundestag in Berlin, Deutschland. | Quelle: Getty Images
Dass sie erst die dritte Frau in der Geschichte der Bundesrepublik ist, die mit einem Trauerstaatsakt geehrt wird, unterstreicht die Bedeutung ihres Lebenswerks. Und dass ausgerechnet ein einziger Satz kurz Merkels Mimik „entgleisen“ lässt, zeigt: Selbst in ritualisierten Momenten wie einem Staatsakt blitzt manchmal echte, menschliche Reaktion auf – und macht Politik plötzlich wieder greifbar.
Wie bereits berichtet:
Sie war nie die Frau für den leisen Abgang. Auch dann nicht, als die Kräfte nachließen und sie öffentlich über ihre Krankheit sprach. Eine Politikerin, die sich über Jahrzehnte gegen Widerstände stellte, Debatten prägte und Themen vorantrieb, die in ihrer Partei nicht immer willkommen waren.
Nun ist Rita Süssmuth tot. Die CDU-Politikerin starb im Alter von 88 Jahren, wie der Deutscher Bundestag mitteilte; auch aus der CDU wurde der Tod bestätigt. Süssmuth gehörte dem Bundestag von 1987 bis 2002 an und war von 1988 bis 1998 dessen Präsidentin – als zweite Frau in diesem Amt.

16. Juni 2025, Berlin: Rita Süssmuth (CDU), ehemalige Präsidentin des Bundestages, steht vor dem Reichstag. | Quelle: Getty Images
„Ich will noch nicht sterben“ – dieser Satz blieb hängen, weil er mehr war als Trotz. Er passte zu einer Politikerin, die sich über Jahrzehnte gegen Widerstände stellte. Ihre Meinungen - nicht bei der Partei immer willkommen.
Die Reaktionen aus dem politischen Berlin fallen entsprechend deutlich aus. Bundeskanzler Friedrich Merz würdigte Süssmuth als „große Politikerin“ und „Leitstern für unser demokratisches Gemeinwesen“. Wörtlich sagte er:
„Wir trauern um Rita Süssmuth, eine große Politikerin und ein Leitstern für unser demokratisches Gemeinwesen. Rita Süssmuth hat sich lebenslang für Deutschland engagiert.“

Rita Suessmuth am zweiten Tag der Yes!Con Cancer Convention auf dem EUREF-Campus 17 am 10. Mai 2025 in Berlin, Deutschland. | Quelle: Getty Images
Sie sei Vorkämpferin gewesen, nicht zuletzt für Gleichberechtigung und die politische Wirkkraft von Frauen. Merz ergänzte: „Für eine moderne und offene Gesellschaft hat sie beispielhaft gekämpft und Maßstäbe für Toleranz und Weltoffenheit gesetzt. Dieses Land verdankt ihr viel.“
Auch Bundestagspräsidentin Julia Klöckner nannte Süssmuth „eine der bedeutendsten Politikerinnen der Bundesrepublik“ und hob ihren Elan und ihre Beharrlichkeit hervor. Frank-Walter Steinmeier würdigte sie als „leidenschaftliche Kämpferin für die Demokratie“ und als Vorbild – besonders auch für viele Frauen. SPD-Chef Lars Klingbeil betonte, sie sei „über alle Parteigrenzen hinweg“ ein Vorbild gewesen.

13. November 2024, Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf: Rita Süssmuth (CDU), ehemalige Politikerin, Bundesministerin für Jugend, Familie und Gesundheit und Präsidentin des Deutschen Bundestages, bei der Verleihung der Josef-Neuberger-Medaille 2024. | Quelle: Getty Images
Süssmuth kam vergleichsweise spät in die aktive Politik: Anfang der 1980er-Jahre trat die Professorin für Erziehungswissenschaft mit 44 Jahren in die CDU ein. 1985 wurde sie im Kabinett von CDU-Kanzler Helmut Kohl Bundesministerin für Jugend, Familie und Gesundheit – später wurde das Ressort um den Bereich Frauen erweitert. Schon damals setzte sie eigene Akzente: liberal in Fragen der Frauenpolitik, streitbar im Ton, und in der Aids-Politik ihrer Zeit voraus. Sie kämpfte gegen Ausgrenzung von Betroffenen und war langjährig Ehrenvorsitzende der Deutsche AIDS-Stiftung.
Dass sie sich mit ihrer Haltung nicht nur Freunde machte, gehörte zu ihrer politischen Biografie. Später verlor sie in der CDU an Rückhalt – besonders als sie 2000 unter der rot-grünen Bundesregierung von Gerhard Schröder den Vorsitz der nach ihr benannten Zuwanderungskommission übernahm, der sogenannten Süssmuth-Kommission. Ideen daraus, so wird rückblickend oft gesagt, hätten Deutschland später helfen können, wurden jedoch nie vollständig umgesetzt.

Rita Süssmuth, Mitglied der Christlich-Demokratischen Union Deutschlands (CDU) und ehemalige Präsidentin des Bundestages, nimmt am 6. Mai 2024 am ersten Tag des CDU-Parteitags im Estrel Berlin Hotel in Berlin teil. | Quelle: Getty Images
Privat und gesundheitlich blieb sie bis zuletzt eine Kämpferin. In einem Interview über ihre Krebserkrankung sagte sie: „Es geht mir nicht gut. Aber ich denke positiv und lasse mich nicht unterkriegen.“ Und sie betonte: „Ich sitze nicht herum und warte auf den Tod.“ Besonders eindringlich klang ihr Satz:
„Aber ich weiß nicht, was der liebe Gott noch mit mir vorhat. Klar ist: Ich will noch nicht sterben.“
Denn sie habe noch viel vor: „Ich möchte dazu beitragen, dass es unserer Gesellschaft besser geht. Dafür gebe ich alles.“

Rita Süssmuth während der Veranstaltung „Frauen100 X Politics” im Telegraphenamt am 29. November 2023 in Berlin, Deutschland | Quelle: Getty Images
Mit Rita Süssmuth verliert Deutschland eine Politikerin, die Widerspruch nicht scheute und Fortschritt nicht als Modewort verstand, sondern als Auftrag. Ihr Vermächtnis ist weniger ein einzelnes Gesetz als eine Haltung: beharrlich, menschenzugewandt – und im entscheidenden Moment mutig.
