
„Eifersucht ist in Patchworkfamilien die Regel“: Familienpsychologe erklärt Fabians Fall
Der traurige Fall von Fabian aus Güstrow beschäftigt seit Monaten ganz Deutschland. Nun äußerte sich eine Familienpsychologin und sprach über den Fall – vor allem auch über die Gefühlswelt der Eltern in einer solch schwierigen Situation.
Nach außen wirkte alles vertraut. Fabian fühlte sich wohl bei der neuen Partnerin seines Vaters, ging in ihrem Zuhause ein und aus und verstand sich gut mit ihrem Sohn.
Für den Achtjährigen aus Güstrow schien sich eine zweite kleine Welt zu öffnen, die Sicherheit und Nähe versprach. Umso unbegreiflicher ist das, was heute im Raum steht: Die frühere Freundin seines Vaters steht unter Verdacht, Fabian getötet zu haben.
Während die Ermittlungen andauern, versuchen Fachleute einzuordnen, was in einer solchen familiären Konstellation emotional geschehen kann.
Fabians Vater war mehrere Jahre mit der Beschuldigten liiert. Die Beziehung galt als wechselhaft, nicht nur zwischen den Erwachsenen, sondern auch im Zusammenspiel mit dem Kind.

Die Polizei sucht den achtjährigen Fabian in einem Waldstück neben einem Industriegebiet. | Quelle: Getty Images
In Patchworkfamilien entstehen häufig neue Rollen, Erwartungen und Unsicherheiten – ein Nährboden für Konflikte, wie Familienpsychologen erklären.
Eine neue Partnerin ist plötzlich nicht nur Gefährtin, sondern auch Bezugsperson für ein Kind, das aus einer früheren Beziehung stammt. Gleichzeitig bleibt die leibliche Mutter präsent. Dieses Spannungsfeld kann alle Beteiligten überfordern.
Familienpsychologin Nina Grimm beschreibt, dass Gefühle wie Neid oder Eifersucht in solchen Konstellationen keine Ausnahme seien. „Eifersucht ist in Patchworkfamilien die Regel“, erklärt sie. Sie fügte an:
„Patchworkmodelle sind für Kinder und Erwachsene eine emotionale Herausforderung. Man ist nicht mehr nur Partnerin, sondern auch die Bonusmama. Oder man ist nicht mehr nur Mama, sondern plötzlich auch Konkurrentin. Da entstehen emotionale Unsicherheit und Unklarheit. Es gibt viel Konfliktpotenzial, da hilft nur glasklare Kommunikation.“
Kinder können – bewusst oder unbewusst – als Konkurrenz wahrgenommen werden, etwa wenn die Sorge entsteht, sie könnten die Paarbeziehung belasten oder Aufmerksamkeit binden. Ohne klare Kommunikation und stabile Grenzen könne sich emotionale Unsicherheit verstärken.
Freunde der Familie berichten, dass Fabian und die Partnerin seines Vaters ein gutes Verhältnis hatten. Gleichzeitig soll es Spannungen gegeben haben, weil der Vater weiterhin Kontakt zur Mutter des Jungen hielt.

Klein Upahl: An der Stelle, wo der achtjährige Fabian aus Güstrow tot in einem kleinen Teich bei Klein Upahl gefunden wurde, pumpt die Feuerwehr das Wasser ab, während ein Polizist mit einem Detektor unterwegs ist. | Quelle: Getty Images
In dieser Phase sei der Kontakt zwischen Vater und Sohn zeitweise eingeschränkt gewesen, was für alle Beteiligten belastend gewesen sein dürfte. Dennoch blieb der Kontakt zwischen der Frau und Fabian bestehen – ein Umstand, der heute viele Fragen aufwirft.
Wie lässt sich ein möglicher Gewaltakt mit der Rolle einer vertrauten Bezugsperson vereinbaren? Aus psychologischer Sicht gibt es dafür keine einfachen Antworten.
Fachleute weisen darauf hin, dass Nähe nicht immer aus echter Zuneigung entstehen muss. In manchen Fällen könne Bindung auch strategisch eingesetzt werden, etwa um eine Beziehung zum Partner zu sichern. Solche Dynamiken seien für Außenstehende kaum zu erkennen. Grimm verriet dazu:

Grablichter, Blumen und Kuscheltiere stehen vor der St. Mary's Church, um an den vermissten achtjährigen Fabian zu erinnern. | Quelle: Getty Images
„Es kann sein, dass eine Partnerin von vornherein manipulativ handelt. Sie sorgt etwa dafür, das Kind an sich zu binden – aber nicht, weil sie es liebt, sondern weil sie von Anfang an eine Agenda verfolgt. Nämlich, den Mann für sich zu gewinnen.“
Besonders schwer ist die Situation für Fabians Vater. Er befindet sich nach Einschätzung der Psychologin in einem inneren Konflikt, der kaum auszuhalten ist: Die Frau, die er geliebt hat, steht unter Verdacht, seinem Kind etwas angetan zu haben. Trauer, Schuldgefühle und Zweifel überlagern sich. Grimm gab Einblicke:
„Er steckt im Zwiespalt. Eine Person, die er geliebt hat, steht in Verdacht, sein Kind getötet zu haben. Das ist ein Spannungszustand, den man sich kaum vorstellen kann“

Grablichter, Blumen und Kuscheltiere stehen vor der St. Mary's Church, um an den vermissten achtjährigen Fabian zu erinnern. | Quelle: Getty Images
Manche Betroffene ziehen sich in solchen Situationen vollständig zurück, andere suchen aktiv den Austausch – beides seien normale Reaktionen auf ein extremes Trauma.
Auch Fabians Mutter geht anders mit der Situation um als der Vater. Während er sich weitgehend aus der Öffentlichkeit zurückzieht, spricht sie wiederholt über ihre Gefühle und die Ermittlungen.
Psychologisch betrachtet seien diese Unterschiede typisch. Nach einem traumatischen Verlust funktioniere der Mensch zunächst im Überlebensmodus, später brechen Trauer, Wut und quälende Schuldfragen auf – unabhängig davon, ob tatsächlich Verantwortung bestand.

Grablichter, Blumen und Kuscheltiere stehen vor der St. Mary's Church, um an den vermissten achtjährigen Fabian zu erinnern. | Quelle: Getty Images
Für die Familie bedeutet der Verlust eine Zäsur, die sich nicht einfach überwinden lässt. „Das ist ein maximaler Kontrollverlust, jegliches Gerechtigkeitsprinzip wird außer Acht gelassen, wenn ein Kind ermordet wird. Das löst ein komplexes Trauma aus“, sagt Grimm und betont, dass der Tod eines Kindes ein komplexes Trauma auslöse. Heilung brauche Zeit – und manchmal bedeute sie nicht, dass der Schmerz verschwindet, sondern dass man lernt, mit ihm zu leben.
Wir berichteten über den tragischen Fall:
Vier Wochen nach dem tragischen Tod des kleinen Fabian aus Güstrow gibt es eine überraschende Wendung in den Ermittlungen: Gina H., die ehemalige Lebensgefährtin von Fabians Vater, wurde festgenommen und befindet sich nun in Untersuchungshaft.
Am Freitag bestätigte Staatsanwalt Sebastian Polster, dass die 29-Jährige dem Haftrichter vorgeführt wurde. „Der aktuelle Sachstand ist, dass der zuständige Ermittlungsrichter beim Amtsgericht Rostock heute der Beschuldigten den bereits erlassenen Haftbefehl verkündet hat und den auch in Vollzug gesetzt hat“, erklärte Polster gegenüber RTL. Damit wurde Gina H. offiziell in Untersuchungshaft gebracht.
Ein Fall voller offener Fragen
Wochenlang hatte die Polizei nach dem mutmaßlichen Täter gesucht, nachdem der achtjährige Fabian Mitte Oktober tot aufgefunden worden war. Der Fall erschütterte nicht nur die Region um Güstrow, sondern sorgte bundesweit für Entsetzen.
Am Donnerstag, den 6. November, kam es schließlich zur Festnahme. Wie die Staatsanwaltschaft mitteilte, steht Gina H. unter dringendem Verdacht, den Jungen getötet zu haben. Nach Informationen von RTL soll sie sich erst wenige Wochen vor Fabians Tod – im August – vom Vater des Kindes getrennt haben.
Brisant ist dabei vor allem ein Detail: Ausgerechnet Gina H. war es, die am 14. Oktober den leblosen Körper des Kindes entdeckt und die Polizei alarmiert haben soll. Nur kurze Zeit später hatte sie in einem RTL-Interview betont, nichts mit der Tat zu tun zu haben. Doch schon damals hat es skeptische Stimmen gegeben, die sich verwundert zeigten, warum ausgerechnet diese Frau es gewesen war, die den Jungen fand.
Das ist über Gina H. bekannt
In Reimershagen war Gina H. keine Unbekannte. Viele Nachbarn kannten sie von Kindesbeinen an, andere durch ihre Leidenschaft für Pferde. Doch schon seit Wochen, erzählen einige Anwohner, habe man geahnt, dass etwas nicht stimmt. „Jeder kann an fünf Fingern abzählen, was passiert ist“, sagt ein Bewohner des Ortes laut FOCUS.
Misstrauisch wurden viele spätestens, als bekannt wurde, dass ausgerechnet Gina H. die Leiche des vermissten Fabian am 14. Oktober bei Klein Upahl entdeckt haben will – einem abgelegenen Ort, den kaum jemand zufällig aufsucht.
Zerbrochene Beziehungen und seelische Wunden
Gina H. hatte in den vergangenen Jahren viele Schicksalsschläge zu verkraften. Nach einer schwierigen Kindheit lebte sie bei ihren Großeltern im Dorf, verlor später ihren Vater und musste sich nach der Trennung von Fabians Vater offenbar neu orientieren. Freunde berichten von emotionalen Krisen, Nachbarn von psychischen Problemen. Auf Instagram schrieb sie einst: „Nun stehe ich wieder alleine da und habe alles verloren. Erst meine geliebte Tiffy, dann meinen Papa und jetzt noch meinen einzigen Anker, den ich hatte“.

Eine Frau, die im Verdacht steht, die Tat begangen zu haben, ist vor ihrem Haus zu sehen. Fast vier Wochen nach dem brutalen Tod des achtjährigen Fabian aus Güstrow wurde gegen eine Frau Haftbefehl wegen dringendem Mordverdacht erlassen. | Quelle: Getty Images
Ihr Leben drehte sich um Pferde – sie arbeitete angeblich im Vertrieb für Medizintechnik und nahm an Turnieren teil. Gleichzeitig soll sie, so berichten Dorfbewohner, kaum enge Kontakte gepflegt haben. Nach außen freundlich, innerlich zerrissen – so beschreiben viele sie heute. Andere Anwohner jedoch berichteten auch, dass sie angeblich bereits Erwerbsminderungsrente beziehen würde.
Eine enge Bindung zu Fabian
Gina H. kannte Fabian gut. Während ihrer Beziehung mit seinem Vater kümmerte sie sich liebevoll um den Jungen, der regelmäßig zu Besuch war. In einem Interview sagte sie einst: „Fabian war wie ein eigenes Kind für mich. Ich war vier Jahre lang seine Ziehmama sozusagen. Ich habe ihn geliebt wie mein eigenes Kind.“

Ermittler durchsuchen während der Ermittlungen Häuser | Quelle: Getty Images
Nach der Trennung blieb offenbar ein Band der Nähe – zumindest aus ihrer Sicht. Doch warum befand sie sich ausgerechnet an jenem Ort, an dem Fabians Leiche entdeckt wurde? Diese Frage beschäftigt nun die Ermittler.
Ermittlungen laufen weiter
Über mögliche Hintergründe oder ein Motiv schweigen die Ermittlungsbehörden bislang. Auch über die Ergebnisse der Durchsuchungen am Donnerstag gaben Polizei und Staatsanwaltschaft keine neuen Details bekannt.
Klar ist: Die Ermittler setzen alles daran, die Umstände des grausamen Verbrechens vollständig aufzuklären. Noch sind viele Fragen offen – etwa, was genau in den Tagen vor Fabians Tod geschah und ob es weitere Beteiligte gibt.
