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Der syrische Angeklagte Issa Al H (R) kommt am 10. September 2025 zu seiner Verurteilung in Düsseldorf | Quelle: Getty Images
Der syrische Angeklagte Issa Al H (R) kommt am 10. September 2025 zu seiner Verurteilung in Düsseldorf | Quelle: Getty Images

„Viel zu milde“: Internetnutzer widersprechen der Strafe für 27-jährigen Solinger Messerangreifer

Nataliia Shubina
10. Sept. 2025 - 13:52

Ein Jahr nach dem Messerangriff in Solingen ist der Täter vom Oberlandesgericht Düsseldorf zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt worden. Der 27-jährige Syrer wurde wegen dreifachen Mordes und mehrfachen Mordversuchs schuldig gesprochen. Das Gericht stellte zudem die besondere Schwere der Schuld fest, wodurch eine vorzeitige Entlassung praktisch ausgeschlossen ist.

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Juristisch gilt das Urteil als streng, doch viele Bürgerinnen und Bürger empfinden es als nicht ausreichend. Im Netz ist die Empörung groß, Kommentare wie „Viel zu milde“ oder „Unfassbar, dass er überhaupt ein Recht auf Prozess hatte“ verbreiten sich in den sozialen Medien.

Schwer bewaffnete deutsche Polizei | Quelle: Getty Images

Schwer bewaffnete deutsche Polizei | Quelle: Getty Images

Die Nachrichten über das Urteil haben in den Online-Debatten für Besorgnis und Aufregung gesorgt. Neben den Stimmen, die die Gerechtigkeit des Verfahrens betonen, häufen sich Beiträge, in denen der Staat hart kritisiert wird. Besonders scharf äußern sich Menschen darüber, dass der Täter überhaupt noch in Deutschland war, obwohl längst eine Abschiebung hätte erfolgen müssen.

Unter den Beiträgen finden sich Kommentare wie „Viel zu wenig!“ oder auch: „Es gäbe da eine viel einfachere und vor allem kostengünstigere Lösung.“ Solche Formulierungen verdeutlichen, dass das Vertrauen vieler Menschen in die Handlungsfähigkeit der Politik und in die Sicherheit des Landes massiv gelitten hat.

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Für die Betroffenen selbst markiert das Urteil keinen Abschluss. Viele Angehörige und Überlebende schildern ihre Erfahrungen öffentlich und machen deutlich, wie tief die Narben sitzen. Ein Witwer, der beim Stadtfest in Solingen neben seiner Frau stand, als der Täter mit einem Messer auf die Besucher einstach, berichtete später von den letzten Minuten mit seiner Frau:

„Ich habe versucht, ihr zu helfen, habe geschrien, aber es war zu spät. Sie ist in meinen Armen verblutet.“

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Für ihn ist seitdem nichts mehr wie vorher. Sein Alltag sei leer geworden, jeder Moment werde von der Erinnerung an den Verlust überschattet. Er macht deutlich, dass auch das härteste Urteil keine wirkliche Genugtuung bringen könne: „Wenn er gar nicht mehr hier gewesen wäre, würde meine Frau heute noch leben.“

Nahaufnahme eines Anwalts und Geschäftsmannes, der in seinem Büro arbeitet oder ein Gesetzbuch liest, für das Konzept eines Beratungsanwalts. | Quelle: Getty Images

Nahaufnahme eines Anwalts und Geschäftsmannes, der in seinem Büro arbeitet oder ein Gesetzbuch liest, für das Konzept eines Beratungsanwalts. | Quelle: Getty Images

Auch die Überlebenden kämpfen bis heute mit den Folgen. Lea Varoquier, die am Hals schwer verletzt wurde, erinnert sich an den Moment des Angriffs: „Ich wollte nur tanzen – und plötzlich war alles voller Blut.“ Ihre Worte beschreiben nicht nur die Brutalität der Tat, sondern auch den plötzlichen Bruch in einem Moment, der eigentlich voller Lebensfreude sein sollte.

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Ihre körperlichen Narben sind sichtbar, doch noch schwerer wiegen die seelischen Verletzungen. Sie versucht dennoch, einen Weg zu finden, um mit dem Erlebten umzugehen. „Am Ende ist das so, dass wir persönlich nicht gemeint sind. Der ist wahllos auf Menschen losgegangen und hatte natürlich erstmal eine Gruppierung vor Augen.“ Dieser Gedanke helfe ihr, die Tat nicht als persönlichen Angriff zu sehen, auch wenn die Angst geblieben ist.

In Solingen bleibt die Stadtgemeinschaft tief verunsichert. Viele Bürgerinnen und Bürger sprechen von einem Vertrauensverlust in den Schutz durch den Staat. Während Gedenkveranstaltungen Halt geben, ist die Angst vor einer Wiederholung präsent. Forderungen nach strengeren Gesetzen, schnelleren Abschiebungen und besserer Sicherheit bei Großveranstaltungen werden lauter.

Das Urteil gegen den Täter setzt zwar einen rechtlichen Schlusspunkt, doch für die Angehörigen und Überlebenden ist es nur ein weiterer Schritt in einem langen und schmerzhaften Prozess. Kein Gerichtsurteil kann den Verlust wiedergutmachen, keine Strafe bringt die Opfer zurück. Für viele bleibt deshalb die Frage, ob die Politik alles getan hat, um die Tat zu verhindern – und wie solche Taten künftig vermieden werden können.

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